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Azubi-Tech-Landscape 2026: Wie Technologie den Ausbildungsmarkt verändert
Der Ausbildungsmarkt wird digitaler, spezialisierter und komplexer. Was 2023 als erste Übersicht eines wachsenden Nischenmarktes begann, hat sich...
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Jasmin Link @ AEVO Akademie
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12.08.26, 11:28
Wenn über Mental Health im Job gesprochen wird, geht es meist um Führungskräfte, um Fachkräftemangel, um Burnout in der Belegschaft. Die Ausbildung kommt selten vor. Dabei treffen hier zwei Gruppen aufeinander, die beide unter Druck stehen: junge Menschen, die zum ersten Mal Arbeitsalltag, Prüfungsstress und Zukunftsangst gleichzeitig aushalten müssen und Ausbildende, die längst nicht mehr nur Fachwissen vermitteln, sondern nebenbei coachen, moderieren und auffangen.
Beide Seiten funktionieren in der Regel erstaunlich lange. Und beide Seiten melden sich selten von selbst. Darin liegt jedoch das Problem: Psychische Belastung wird in der Ausbildung meist erst sichtbar, wenn sie sich in Fehlzeiten, Konflikten oder einer Vertragslösung entlädt. Dieser Beitrag zeigt, warum der Druck steigt, was Ausbildende heute wirklich leisten und mit welchen Maßnahmen Unternehmen beide Seiten entlasten können, bevor es zu spät ist.
Wer heute ausbildet, merkt es meist zuerst an Kleinigkeiten. Ein Azubi wird stiller. Eine Auszubildende meldet sich häufiger krank, auffällig oft freitags. Jemand liefert plötzlich Ergebnisse ab, die nicht zu seinem Können passen. Einzeln betrachtet sind das Alltagsphänomene. In der Summe zeichnen sie ein Bild, das auch die Statistik bestätigt.
Der Psychreport der DAK-Gesundheit zeigt seit Jahren ein hohes Niveau psychisch bedingter Fehltage und die deutlichsten Zuwächse gab es zuletzt ausgerechnet bei den Jüngsten im Betrieb. In den Altersgruppen zwischen 20 und 29 Jahren stiegen die Krankschreibungen besonders stark. Das sind genau die Jahrgänge, die sich gerade in Ausbildung oder in den ersten Berufsjahren befinden.
Parallel dazu wächst der Druck rund um die Ausbildung. Der DGB-Ausbildungsreport 2025 zeichnet ein zwiespältiges Bild: Rund 72 Prozent der Auszubildenden sind grundsätzlich zufrieden. Gleichzeitig leistet fast ein Drittel regelmäßig Überstunden, mehr als 60 Prozent können von ihrer Vergütung nicht eigenständig leben, und über 40 Prozent wissen im letzten Ausbildungsjahr nicht, ob sie übernommen werden. Geldsorgen, Zukunftsunsicherheit und ein verdichteter Arbeitsalltag sind keine weichen Faktoren. Sie sind messbare Stressoren, also Faktoren, die zu Stress führen.
Was Unternehmen aktuell beobachten
Eine Einordnung geht in der Debatte oft unter: Ein Teil des Anstiegs ist kein Anstieg der Erkrankungen, sondern ein Anstieg der Sichtbarkeit.
Und schließlich gibt es eine Zahl, die Betriebe schmerzt: Die Vertragslösungsquote in der dualen Ausbildung liegt laut Bundesinstitut für Berufsbildung bei rund 29 Prozent und damit auf einem historischen Höchststand. Nicht jede Vertragslösung ist ein Abbruch, und nicht jede hat psychische Ursachen. Aber Konflikte mit dem Ausbildungspersonal, Überforderung und mangelnde Ausbildungsqualität gehören laut BIBB zu den Faktoren, die dahinterstehen können. Wer Abbrüche reduzieren will, kommt am Thema mentale Gesundheit nicht vorbei.
Belastung ist nicht gleich Erkrankung
Die Arbeitswissenschaft unterscheidet zwischen Belastung und Beanspruchung. Belastungen sind die objektiven Anforderungen einer Tätigkeit: Termindruck, Lärm, Verantwortung, Konflikte. Beanspruchung ist das, was diese Anforderungen im einzelnen Menschen auslösen abhängig von Erfahrung, Ressourcen und Lebenssituation. Dieselbe Ausbildungswoche kann für die eine Person ein guter Lernanlass sein und für die andere der Kipppunkt. Für Unternehmen heißt das: Es reicht nicht, auf Symptome zu reagieren. Wirksam wird es erst, wenn die Belastungen selbst gestaltet werden. Genau das verlangt auch die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach dem Arbeitsschutzgesetz.
Ausbildende sollen laut Stellenbeschreibungen Fachwissen vermitteln, Einsätze planen oder auf Prüfungen vorbereiten. Die Realität sieht anders aus. Ausbildende sind heute die erste Ansprechperson für so ziemlich alles. Angefangen von Lernschwierigkeiten und Liebeskummer, für Konflikte im Team, für Prüfungsangst, für familiäre Krisen, manchmal für psychische Erkrankungen. Sie führen Feedbackgespräche, sie moderieren zwischen Abteilung und Azubi, sie erklären dem Betrieb die Generation Z und der Generation Z den Betrieb.
Das Problem: Diese Rollen kommen obendrauf. In vielen Unternehmen ist Ausbildung eine Nebentätigkeit, die neben dem eigentlichen Job läuft ohne eigenes Zeitbudget, ohne Entlastung an anderer Stelle. Eine Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-
Nürnberg im Auftrag der IG Metall hat das untersucht. Die Ergebnisse sind deutlich: Mehr als die Hälfte des Ausbildungspersonals erlebt widersprüchliche Anforderungen zwischen Ausbildungsaufgabe und regulärer Arbeit. Sieben von zehn berichten von Stress, knapp 60 Prozent von Mehrarbeit und Überstunden, die große Mehrheit von gestiegener Arbeitsintensität. Fast die Hälfte gibt an, deshalb Abstriche bei der Qualität der Ausbildung machen zu müssen.
Das ist der eigentliche Kern. Ausbildende erleben nicht nur Stress, sie erleben moralischen Stress: Sie wissen genau, was gute Ausbildung wäre, aber können sie nicht liefern. Das ist eine der zuverlässigsten Zutaten für Erschöpfung.
Die emotionale Arbeit, die nirgends auftaucht
Wenn eine Auszubildende erzählt, dass sie nicht mehr kann, muss die ausbildende Person reagieren. Sofort, ohne Vorbereitung, ohne Supervision, oft ohne zu wissen, wo die eigene Zuständigkeit endet. Die Ausbildereignungsprüfung nach AEVO qualifiziert für Didaktik und Berufsbildungsrecht. Sie qualifiziert nicht für Krisengespräche.
Typische Belastungsmuster, die daraus entstehen:
Und dann ist da der Faktor, über den kaum jemand spricht: Ausbildende nehmen Sorgen mit nach Hause. Wer merkt, dass ein junger Mensch in einer echten Krise steckt, kann das um 17 Uhr nicht einfach ablegen. Fehlt dafür ein professioneller Rahmen, etwa keine klare Eskalationskette, keine Ansprechperson, keine kollegiale Beratung, bleibt die Last bei der Person hängen, die zufällig gerade da war.
Ausbildende sind damit selbst eine Risikogruppe. Nur taucht sie in kaum einer betrieblichen Gesundheitsstrategie auf.
Quick Facts: Ausbildungspersonal unter Druck
Die Befragung des betrieblichen Ausbildungspersonals in Industrie und Handwerk (FAU Erlangen-Nürnberg für die IG Metall) zeigt: 54 Prozent erleben widersprüchliche Anforderungen zwischen Ausbildungsaufgabe und regulärer Arbeit. 70 Prozent berichten von Stress, 59 Prozent von Mehrarbeit und Überstunden, 86 Prozent von einer gestiegenen Arbeitsintensität. 45 Prozent müssen deshalb Abstriche bei der Ausbildungsqualität machen. Das Fazit der Studie: Ausbildende sind hoch motiviert, werden von den Betrieben aber ausgebremst. Ausbildung gilt vielerorts noch immer vor allem als Kostenfaktor.
Mentale Gesundheit in der Ausbildung ist kein Wohlfühlprojekt für die Personalabteilung. Sie ist eine Frage von Strukturen. Die gute Nachricht: Die wirksamsten Maßnahmen sind unspektakulär und günstiger als eine einzige gescheiterte Ausbildung.
1. Zeit für Ausbildung verbindlich einplanen
Wer eine Person zur Ausbilderin oder zum Ausbilder macht, muss ihr auch Kapazität geben. Ein fester Zeitanteil im Stellenprofil, sichtbar in der Personalplanung und nicht nur als Gentlemen's Agreement, sondern als verbindliche Größe. Alles andere erzeugt genau den Rollenkonflikt, der krank macht.
2. Zuständigkeiten und Eskalationswege klären
Ausbildende brauchen eine Antwort auf die Frage: Was tue ich, wenn ein Azubi mir von Suizidgedanken erzählt? Wenn jemand dreimal unentschuldigt fehlt? Wenn es um Gewalt im Elternhaus geht? Ein schriftlicher, bekannter Eskalationspfad – interne Ansprechpersonen, Betriebsärztin oder Betriebsarzt,
externe Beratung, Notfallnummern – entlastet enorm. Er sagt: Du musst das nicht allein lösen. Und genauso wichtig: Du sollst es nicht allein lösen.
3. Qualifizieren – auch psychologisch
Gesprächsführung, Konfliktmoderation, Erkennen von Warnsignalen, Grundlagen von Mental Health First Aid: Solche Schulungen gehören heute genauso ins Ausbildungsprofil wie Prüfungsvorbereitung. Nicht, damit Ausbildende therapieren. Sondern damit sie sicher erkennen, wann sie weiterleiten müssen.
4. Psychologische Sicherheit aktiv herstellen
Psychologische Sicherheit heißt: Ich kann sagen, dass ich etwas nicht verstanden, einen Fehler gemacht oder zu viel auf dem Tisch habe – ohne Nachteile. Sie entsteht durch Verhalten. Führungskräfte, die eigene Fehler benennen. Feedbackgespräche in festem Rhythmus, nicht nur im Problemfall. Fragen, die über das Fachliche hinausgehen.
5. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ernst nehmen
Sie ist nach § 5 Arbeitsschutzgesetz ohnehin Pflicht und in vielen Betrieben trotzdem ein Formular in der Schublade. Auszubildende und Ausbildende gehören ausdrücklich in den Geltungsbereich. Richtig gemacht, ist sie das beste Frühwarnsystem, das ein Unternehmen zur Verfügung hat.
6. Niedrigschwellige Anlaufstellen schaffen
Externe Mitarbeitendenberatung (EAP), Vertrauenspersonen außerhalb der eigenen Abteilung, die Jugend- und Auszubildendenvertretung, Patenschaften durch Azubis aus höheren Lehrjahren. Entscheidend ist nicht die Zahl der Angebote, sondern dass alle wissen, dass es sie gibt und wie man sie erreicht.
7. Ausbildende nicht allein lassen
Kollegiale Fallberatung, ein regelmäßiger Austausch der Ausbildenden untereinander, im Idealfall Supervision. Wer täglich emotionale Arbeit leistet, braucht einen Ort, an dem er sie abladen darf. Genau dieser Ort fehlt in den meisten Betrieben.
Es gibt einen betriebswirtschaftlichen Grund, sich mit mentaler Gesundheit in der Ausbildung zu beschäftigen und einen menschlichen. Beide zeigen in dieselbe Richtung.
Der betriebswirtschaftliche: Fast jeder dritte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gelöst. Jede Lösung kostet Geld, Zeit und Wissen, beispielsweise Recruiting, Einarbeitung, Prüfungsvorbereitung oder verlorene Teamstrukturen. Und sie kostet Reputation. Azubis reden in der Berufsschulklasse, auf Social Media, in Bewertungsportalen. Ein Betrieb, in dem Menschen ausbrennen, spricht sich schneller herum als jede Karrierekampagne.
Dazu kommt: Wer Nachwuchs gewinnen will, konkurriert längst nicht mehr nur über die Vergütung. Junge Menschen fragen im Vorstellungsgespräch nach Arbeitsklima, nach dem Umgang mit Fehlern, nach mentaler Gesundheit. Sie erwarten keine Wellness-Ausbildung. Sie erwarten Erwachsene, die einen Rahmen halten können.
Der menschliche Grund ist einfacher. In der Ausbildung entscheidet sich, welches Bild ein Mensch von Arbeit bekommt. Und das für die nächsten vierzig Jahre. Wer in dieser Phase lernt, dass Überforderung normal ist, dass man Schwäche nicht zeigt und dass niemand fragt, wie es einem geht, nimmt genau das mit. Wer erlebt, dass sich Grenzen benennen lassen, ohne dafür bestraft zu werden, nimmt auch das mit.
Und das gilt für beide Seiten. Ausbildende vermitteln nicht nur Fachwissen, sie sind Vorbilder. Eine Ausbilderin, die selbst permanent am Limit läuft, kann keine gesunde Arbeitskultur vorleben. Ganz egal, wie viele Workshops der Betrieb bucht. Die Entlastung des Ausbildungspersonals ist deshalb keine nette Geste. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Ausbildungsqualität überhaupt entstehen kann.
Mentale Gesundheit ist damit kein „Nice to have“ mehr, das man sich in guten Jahren leistet. Sie ist die Bedingung dafür, dass Ausbildung funktioniert: dass Menschen bleiben, lernen, Verantwortung übernehmen und irgendwann selbst ausbilden.
Psychische Belastung in der Ausbildung ist kein Randthema und kein Generationenproblem. Sie betrifft Azubis, die zwischen Prüfungsdruck, Geldsorgen und Zukunftsunsicherheit stehen und Ausbildende, die weit mehr leisten als Wissensvermittlung, ohne dafür Zeit, Qualifizierung oder Rückendeckung zu bekommen. Wer nur eine der beiden Seiten entlastet, verschiebt das Problem lediglich.
Die gute Nachricht: Die entscheidenden Hebel sind organisatorisch. Verbindliche Zeit für Ausbildung, klare Zuständigkeiten, echte Eskalationswege, psychologische Sicherheit und Räume, in denen Ausbildende ihre eigene Last abladen dürfen. Das ist machbar. Und es ist deutlich günstiger als der nächste Abbruch.
Fangen Sie klein an. Fragen Sie Ihr Ausbildungspersonal diese Woche, was es wirklich braucht. Und setzen Sie dann eine Sache davon um.
DAK-Gesundheit / IGES Institut: Psychreport 2025 – Analyse der Arbeitsunfähigkeiten wegen psychischer Erkrankungen (Datenbasis: rund 2,4 Mio. erwerbstätige Versicherte).
DAK-Gesundheit: Psychreport – Auswertungen zu psychisch bedingten Fehltagen, u. a. zu den überdurchschnittlichen Zuwächsen bei den 20- bis 29-Jährigen.
DGB-Jugend: Ausbildungsreport 2025 (Befragung von 9.090 Auszubildenden aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen; Zufriedenheit 71,6 %, regelmäßige Überstunden 32,3 %, finanzielle Belastung 62,8 %, Unsicherheit über Übernahme 41,5 %).
Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): Vertragslösungsquote in der dualen Berufsausbildung; Informationspapier zu vorzeitigen Vertragslösungen und möglichen Ursachen.
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Auftrag der IG Metall: Ausbildungspersonal im Fokus – Studie zur Situation der betrieblichen Ausbilder:innen.
Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), § 5: Beurteilung der Arbeitsbedingungen, einschließlich psychischer Belastungen bei der Arbeit.
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