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Generation KI: Wie technologischer Fortschritt Berufsorientierung verändert
Berufsorientierung war schon immer komplex. Doch für die Generation Z wird sie zunehmend zur Überforderung. Mehr als 320 Ausbildungsberufe,...
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Johanna Geisler @ JOGE
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13.07.26 15:45
Ich scrolle durch Karriereseiten. Viele. Jeden Tag. Und überall die gleichen Sätze. „Wir sind innovativ." „Bei uns stehen Mitarbeitende im Mittelpunkt." „Wir leben unsere Werte." Was komischerweise nicht draufsteht? Das, was junge Leute vor einer Ausbildung wirklich wissen wollen.
Habe ich nach der Ausbildung einen Job oder schreibe ich wieder Bewerbungen? Wer kümmert sich am ersten Tag um mich? Reicht das Geld zum Wohnen? Und ist das, was hier auf der Seite steht, am Montagmorgen im Unternehmen auch noch wahr? Wenn ihr euch fragt, warum eure Ausbildungsstellen leer bleiben, schaut nochmal auf eure eigene Karriereseite. Da fehlt meistens genau das, was den Unterschied macht. Schöne Fotos ersetzen kein ehrliches Gespräch. Und ein ehrliches Gespräch ist das, womit ihr 2026 Azubis gewinnt und nicht mit Werbesprüchen, die seit 20 Jahren auf jeder zweiten Karriereseite stehen.
Eine Ausbildung dauert im Regelfall drei Jahre. Drei Jahre Lebenszeit. Drei Jahre, in denen man Geld verdient, das oft nicht für eine eigene Wohnung reicht. Drei Jahre, in denen man früh aufsteht, lernt, prüft, sich beweist. Die wichtigste Frage dahinter beantwortet kaum jemand: Was kommt danach? Henk, der gerade sein Ausbildung zum XY macht, drückt es so aus:
„Drei Jahre Ausbildung sind eine lange Zeit. Da möchte ich vorher wissen, welche Perspektive ich danach wirklich habe."
Genau hier verschenkt ihr das Vertrauen, das ihr eigentlich aufbauen wollt. Ich möchte vor einer Ausbildung wissen:
Wer eine Übernahmequote von 90 Prozent hat, sollte sie hinschreiben. Mit Zahl. Mit Geschichte. Mit Namen, wenn die Personen einverstanden sind. Wer eine niedrigere Quote hat, sollte erklären, warum. Branche, Größe, persönliche Entscheidungen, denn es gibt gute Gründe. Aber wer schweigt, lässt Raum für Spekulation und Spekulation kostet euch Bewerbungen.
Genauso wichtig: Wie sicher ist der Beruf bei euch überhaupt in zehn Jahren? Welche Bereiche wachsen? Was ändert sich durch KI und Digitalisierung? Was wird ein:e Mechatroniker:in oder Industriekauffrau bei euch 2030 wirklich machen? Junge Leute lesen jeden Tag Schlagzeilen über Stellenabbau und Standortschließungen. Wer keine Antwort darauf gibt, was die Ausbildung in zehn Jahren noch wert ist, klingt entweder nicht durchdacht oder nicht ehrlich. Ehrlich gesagt: Niemand erwartet eine Glaskugel. Aber ein Satz wie „Wir bilden gezielt für die Bereiche aus, die bei uns auch in zehn Jahren noch gebraucht werden, nämlich X, Y und Z", ist mehr wert als jedes Imagevideo.
Die Übernahmequote ist eine der ehrlichsten Zahlen, die ihr auf eure Karriereseite packen könnt. Laut Berufsbildungsbericht 2024 wurden bundesweit rund drei Viertel aller Azubis nach Abschluss übernommen, mit großen Unterschieden je nach Branche und Betriebsgröße. Wer offen damit umgeht, hebt sich ab. Zeigt nicht nur die Zahl, sondern auch den Hintergrund: Wie viele Azubis hattet ihr? Wer hat freiwillig gewechselt, wer wurde übernommen, wer hat eine andere Rolle bekommen? Diese Differenzierung schafft Vertrauen, auch dann, wenn die Quote nicht bei 100 Prozent liegt. Schweigen kostet euch mehr als ehrliche Zahlen.
Auf Karriereseiten lese ich oft Sätze wie „Bei uns wirst du fundiert ausgebildet" oder „Du lernst alle relevanten Bereiche kennen". Das sagt nichts. Wer zwischen drei Ausbildungsangeboten entscheidet, will Konkretes wissen. Henk hat es so beschrieben:
„Ich habe vor allem im Alltag gemerkt, was gute Ausbildung für mich bedeutet: Vertrauen. Dass ich mir meinen Tag auch mal selbst einteilen kann, für die Berufsschule lernen darf oder eigenständig an Aufgaben arbeite. Sowas steht auf Karriereseiten aber fast nie. Da liest man meistens nur "gut betreut" und weiß am Ende trotzdem nicht, was das konkret heißt."
Was Azubis wirklich interessiert:
Das sind keine internen Details. Das sind die Antworten, mit denen sich junge Leute überhaupt vorstellen können, wie ihr Alltag aussieht. Genauso entscheidend: Welche Aufgaben warten wirklich auf sie? Ich möchte sehen:
Ein Satz wie „Du bist von Anfang an Teil des Teams" überzeugt niemanden mehr. Zu oft heißt das im Alltag: Kaffee kochen, kopieren, die nervigen Excel-Listen pflegen. Wer wirklich anders ausbildet, sollte das auch zeigen. „Im zweiten Halbjahr hat unser Azubi Tim ein Tool zur Lagerverwaltung mit aufgebaut. Hier ist seine persönliche Story." Das ist eine Karriereseite, die definitiv im Kopf bleibt.
Ein dritter Punkt, den ich auf fast keiner Seite finde: Wie geht ihr mit Fehlern um? Junge Leute machen Fehler. Das gehört dazu. Erst recht in einer Ausbildung. Wie reagiert ihr darauf? Was passiert, wenn ein Azubi eine Aufgabe nicht versteht? Wann eskaliert ein Problem, wann ist es ein Lernmoment? Eine Karriereseite, die ehrlich beschreibt, dass Fehler dazugehören und wie ihr damit umgeht, sagt mehr als jedes Werteleitbild. Sie sagt: Bei uns darfst du Mensch sein. Genau das sucht eine Generation, die mit Leistungsdruck, Zukunftsangst und Instagram-Optimierung aufgewachsen ist. Wer Ausbildung ernst meint, beschreibt nicht das Ergebnis. Sondern den Weg dorthin — mit Personen, Aufgaben und einer Haltung gegenüber Fehlern, die man auch ohne Werbeflyer erkennt.
Ein einfacher Tipp, der unterschätzt wird: Stellt eure Ausbilder:innen auf der Karriereseite mit Foto, Name und einem kurzen Statement vor. Was bilden sie aus? Was ist ihnen in der Begleitung wichtig? Welche Frage hören sie von Azubis am häufigsten? Diese kleinen Profile machen aus einer anonymen „Ausbildung" eine konkrete Beziehung. Bewerber·innen entscheiden sich eher, wenn sie wissen, mit wem sie zusammenarbeiten werden. Bonus: Lasst aktuelle Azubis ihre Ausbilder·innen vorstellen — das ist ehrlicher als jede HR-Beschreibung. Und es kostet euch nichts außer einer Stunde Zeit und der Bereitschaft, mal nicht alles abzunehmen, was rausgeht.
Ausbildungsvergütung ist auf den meisten Karriereseiten eine kleine Schatzsuche. Mal versteckt im FAQ. Mal nur als Spanne. Mal gar nicht da. Dabei ist es eine der ersten Fragen, die Azubis sich stellen. Henk hat es im Coaching auf den Punkt gebracht:
„Ausbildungsgehalt klingt oft erstmal überall ähnlich. Aber am Ende geht es nicht nur um eine Zahl, sondern darum, ob man damit im Alltag klarkommt. Wenn ich pendeln muss, mir Sachen für die Berufsschule kaufen soll oder irgendwann eine eigene Wohnung suche, macht das einfach einen Unterschied. "
Genau hier könnt ihr den Unterschied machen. Ich möchte konkret sehen:
Das sind keine sensiblen Daten. Das sind Entscheidungsgrundlagen für Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben über Geld nachdenken müssen — und nebenbei vielleicht zum ersten Mal eine Wohnung sehen wollen. Genauso wichtig: Wie sieht der Wochenrhythmus aus?
Eine Karriereseite, die das offen benennt, nimmt jungen Leuten Unsicherheit. Und Unsicherheit ist einer der häufigsten Gründe, warum sich jemand am Ende doch beim Unternehmen nebenan bewirbt — bei einem, das diese Fragen schon beantwortet hat.
Drittes Thema, das oft unter den Tisch fällt: Überstunden und Stress. Ja, auch in der Ausbildung gibt es das. Inventur. Saisonspitzen. Projektphasen. Wie geht ihr damit um? Werden Überstunden in der Ausbildung erfasst? Werden sie ausgeglichen? Wer schaut, dass Azubis nicht überfordert werden? Karriereseiten schreiben gerne „Work-Life-Balance auf Augenhöhe". Was Azubis lesen wollen, ist konkreter: „Unsere Azubis arbeiten 38 Stunden pro Woche. Überstunden werden ab der ersten Minute erfasst und in Freizeit ausgeglichen. In Inventurwochen kann es zu Mehrarbeit kommen, die wir mit zusätzlichen freien Tagen ausgleichen." Das ist kein Verkaufstext. Das ist ein ehrlicher Umgang miteinander. Wer hier vage bleibt, sagt nicht „Wir sind flexibel". Wer hier vage bleibt, sagt: Wir wissen es selbst nicht so genau. Und das ist für junge Menschen, die zum ersten Mal in einem festen Job sind, kein gutes Gefühl. Eher das Gegenteil.
Der Bewerbungsprozess ist der erste echte Kontakt mit eurem Unternehmen. Trotzdem bleibt es auf den meisten Karriereseiten an dieser Stelle vage. „Bewirb dich jetzt." Klick. Formular. Stille.
Was Azubis stattdessen wissen wollen:
Henk erinnert sich noch genau an seine Bewerbungsphase:
„Das Nervigste an der Bewerbungsphase war für mich ganz klar das Warten. Bei manchen kam schnell eine Antwort, bei anderen nach Wochen oder gar nicht. Natürlich bewirbst du dich dann weiter, weil du nicht weißt, ob da überhaupt noch etwas kommt. Wenn ein Unternehmen direkt ehrlich sagt, wann man ungefähr mit einer Rückmeldung rechnen kann, macht das schon einen deutlich besseren Eindruck."
Klare Prozessangaben sind kein Bürokratiethema. Das ist Respekt vor jemandem, der gerade gleichzeitig Schule, Klausuren und Bewerbungen jongliert. Wer schreibt: „Innerhalb von fünf Werktagen hörst du von uns. Im zweiten Schritt sprichst du mit Anna aus dem Recruiting und Tobias, deinem zukünftigen Ausbilder. Insgesamt dauert der Prozess etwa zwei bis drei Wochen", hat schon gewonnen, bevor die erste Bewerbung im Postfach liegt.
Genauso entscheidend: Was passiert, wenn ihr jemanden ablehnt? Eine Standardabsage ohne Feedback ist verbrannte Erde. Eine kurze, persönliche Rückmeldung — auch bei einer Absage — bleibt hängen. Diese:r Azubi bewirbt sich vielleicht nicht jetzt, aber im nächsten Jahr. Oder erzählt im Klassenchat, wie respektvoll ihr mit ihm umgegangen seid.
Die Generation, die ihr gewinnen wollt, redet untereinander. Auf TikTok, im Klassenchat, auf dem Berufsschulflur. Ein Bewerbungsprozess wird selten in HR-Awards entschieden. Er wird auf dem Schulhof entschieden. Recruiting ist Beziehungsarbeit. Auch und gerade da, wo es nicht klappt.
Junge Menschen, die heute eine Ausbildung suchen, haben mehr Optionen als je zuvor. Demografie und Fachkräftemangel haben das Verhältnis verschoben. Wer Azubis gewinnen will, muss aufhören, ihnen Werbebroschüren hinzulegen. Was ankommt, ist Ehrlichkeit.
Karriereseiten, die Übernahmequoten zeigen, Ausbilder·innen vorstellen, Vergütung offenlegen, beschreiben wie gelernt wird und sagen, wie der Bewerbungsprozess abläuft, gewinnen die richtigen Bewerber·innen. Nicht die meisten. Die richtigen. Schaut euch eure Karriereseite mit den Augen einer 17-jährigen Person an, die zwischen drei Angeboten entscheidet. Welche Fragen beantwortet sie? Welche lässt sie offen? Welche Sätze würde Henk sich übersetzen lassen wollen — weil sie schön klingen, aber nichts sagen? Die ehrliche Antwort darauf ist der erste Schritt zu einer Karriereseite, die Azubis nicht überspringen.
Wenn ich mich bei euch bewerbe — bekomme ich ein ehrliches Bild von der Ausbildung oder nur ein gut gemachtes Werbevideo?
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