4 Min. Lesezeit

Ausbildung als strategische Investition: Warum Kürzungen teuer werden können

Ausbildung als strategische Investition: Warum Kürzungen teuer werden können
Ausbildung als strategische Investition: Warum Kürzungen teuer werden können
10:02

Bei wirtschaftlichem Gegenwind zeigt sich, ob Ausbildung als Kostenstelle oder als Teil der langfristigen Personalstrategie gilt.


Das Wichtigste in Kürze

Wenn Budgets unter Druck geraten, wird Ausbildung schnell als kurzfristig vermeidbare Ausgabe betrachtet. Diese Sichtweise blendet jedoch aus, dass Unternehmen ihren künftigen Fachkräftebedarf frühzeitig absichern müssen. Entscheidend ist nicht allein, Ausbildungsplätze anzubieten. Strategischen Wert gewinnt Ausbildung erst, wenn Nachwuchskräfte schrittweise Verantwortung übernehmen, das Ausbildungspersonal handlungsfähig ist und die Unternehmensleitung langfristig plant. So entsteht eine Personalpipeline, die nicht erst nach dem Abschluss relevant wird.

 


 

KopfhoererDieser Beitrag basiert auf einer Episode des Young Talents Podcasts. Die Folge ist weiter unten im Beitrag eingebettet und vertieft die hier zusammengefassten Learnings.

Direkt in Folge reinhören! 

 


 

Unser Experte

Heiko Kreth arbeitet beim Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB). Dort war er langjähriger Ausbilder für Fachinformatiker:innen und entwickelte mit seinem Team das Auswahlformat „Go for IT!“: Bewerber:innen lernen den Betrieb bei einem spielerischen Bewerbertag kennen, bei dem unter anderem Teamarbeit beobachtet wird. Heiko Kreth beschäftigt sich mit Ausbildung, Nachwuchskräften und der strategischen Rolle des Ausbildungspersonals.

→ Heiko Kreth auf LinkedIn

Warum Ausbildung bei Gegenwind unter Druck gerät 

Viele Unternehmen bezeichnen den Fachkräftemangel als zentrales Zukunftsproblem. Gleichzeitig gehört die Ausbildung häufig zu den Bereichen, deren Umfang bei knappen Budgets infrage gestellt wird. Ausbildung kostet Geld, bindet Betreuungskapazitäten und liefert ihren sichtbarsten Ertrag nicht innerhalb eines Quartals.

Problematisch wird diese Rechnung, wenn die Ausbildung ausschließlich als Ausgabe erscheint. Dann wirkt eine Kürzung kurzfristig wie eine Entlastung. Die strategische Gegenposition betrachtet sie als Investition in den künftigen Personalbestand. Wer heute weniger ausbildet, verschiebt den Personalbedarf nicht automatisch. Das Unternehmen muss fehlende Fachkräfte später möglicherweise über einen engeren externen Arbeitsmarkt gewinnen und zusätzlich einarbeiten.

Hinzu kommt die Unsicherheit darüber, welche Einstiegsprofile Unternehmen künftig noch benötigen. Künstliche Intelligenz verändert Tätigkeiten und den Bedarf an Nachwuchskräften. Das verlangt eine genaue Personalplanung: Welche Kompetenzen werden in drei Jahren gebraucht und welche Fachkräfte sollen intern entwickelt werden?

Helmholtz-Zentrum Berlin im Kurzporträt

Das Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) ist ein Forschungszentrum für Materialien und Technologien, die zu einer klimaneutralen Energieversorgung beitragen. Es untersucht unter anderem Solarzellen, Batterien und Materialien für grünen Wasserstoff. Dafür betreibt das HZB die Röntgenquelle BESSY II, die auch Gastforschenden aus aller Welt zur Verfügung steht. Rund 1.500 Beschäftigte arbeiten an den Berliner Standorten Wannsee und Adlershof. Zum Ausbildungsangebot gehören unter anderem Fachinformatik, Feinwerkmechanik, Mechatronik und kaufmännische Berufe sowie duale Studiengänge.

Ausbildungsqualität zeigt sich nicht im Employer Branding 

Eine sichtbare Arbeitgebermarke kann Aufmerksamkeit erzeugen. Videos, Social-Media-Inhalte und zielgruppengerechte Kampagnen zeigen, dass ein Unternehmen Nachwuchskräfte erreichen möchte. Sie belegen jedoch nicht automatisch, wie gut die Ausbildung im Alltag funktioniert.

Ausbildungsqualität wird erst dort sichtbar, wo Verantwortliche erklären können, welchen Beitrag die Ausbildung zur Unternehmensentwicklung leisten soll. Im Austausch mit Ausbildungsleitungen, HR-Verantwortlichen und Führungskräften zeigt sich, ob Ausbildung vor allem aus akutem Personalmangel betrieben wird oder ob ein Unternehmen bewusst Beziehungen zu Nachwuchskräften aufbauen und sie fachlich entwickeln will.

Heiko_Kreth_Freisteller

 „Wenn ich Ausbildung nur als Ausgabe verstehe, dann kann es mir relativ egal sein, ob ich das weiter betreibe oder nicht.“

Heiko Kreth
Ausbildungsstratege & Speaker & Ausbilder für Fachinformatiker:innen

Zielgruppenansprache ist mehr als Reichweite 

Gerade in Ballungsräumen konkurrieren viele Ausbildungsbetriebe um Aufmerksamkeit und Bewerbungen. In ländlichen Regionen kann das Verhältnis von Angebot und Nachfrage anders ausfallen. Das erlaubt keine automatische Aussage über die Qualität, beeinflusst aber, wie stark Betriebe ihr Angebot erklären müssen.

Zielgruppenansprache bedeutet deshalb nicht nur, die richtigen Kanäle zu bespielen. Unternehmen müssen zeigen, wie Nachwuchskräfte lernen und Verantwortung übernehmen. Employer Branding schafft den ersten Kontakt. Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Einblicke in die reale Ausbildung.

Nachwuchskräfte entscheiden informierter 

Die Bedingungen für die Berufswahl haben sich verändert. Frühere Ausbildungsjahrgänge mussten Informationen über Berufe und Betriebe häufig aktiv zusammensuchen. Heute stehen deutlich mehr Einblicke, Vergleichsmöglichkeiten und digitale Bewerbungswege zur Verfügung. Gleichzeitig verteilt sich Aufmerksamkeit auf viele kurze Inhalte und Plattformen.

Mehr Informationen führen nicht automatisch zu einfacheren Entscheidungen. Nachwuchskräfte müssen viele Eindrücke bewerten und entscheiden, welchem Unternehmen sie ihre Entwicklung anvertrauen. Dabei gewinnt die Frage an Bedeutung, wie ein Betrieb mit Auszubildenden umgeht und wie nahbar das Ausbildungspersonal ist.

Für Unternehmen reicht es deshalb nicht, Bewerbungsprozesse zu vereinfachen. One-Click-Bewerbungen können Hürden senken, lösen aber nicht die entscheidende Vertrauensfrage. Ausbildungsbetriebe müssen zeigen, dass ihre Strukturen zu den Erwartungen und Informationsgewohnheiten heutiger Nachwuchskräfte passen. Frühere Methoden lassen sich nicht unverändert übertragen.

Wertschöpfung beginnt vor dem Ausbildungsabschluss 

Die strategische Rechnung verändert sich, sobald Auszubildende nicht drei Jahre lang ausschließlich als Kostenfaktor betrachtet werden. Heiko Kreth verweist auf eine Einschätzung von U-Form, nach der sich eine wirtschaftliche Gegenleistung bei gut gestalteter Ausbildung bereits nach ungefähr eineinhalb Jahren entwickeln könne. Das ist keine pauschale Garantie, sondern setzt voraus, dass Nachwuchskräfte Gelerntes anwenden und zunehmend selbstständig handeln dürfen.

Verantwortung braucht eine Vertrauenskette 

Damit Auszubildende produktiv mitarbeiten können, müssen mehrere Ebenen zusammenspielen. Das Ausbildungspersonal braucht Wissen und Freiraum. Fachbereiche müssen passende Aufgaben übertragen. Führungskräfte müssen akzeptieren, dass Lernen mit Begleitung, Rückfragen und schrittweiser Verantwortungsübernahme verbunden ist.

Fehlt dieses Vertrauen, entsteht ein Kreislauf: Auszubildende erhalten nur einfache oder ausbildungsferne Aufgaben, entwickeln wenig Selbstständigkeit und liefern entsprechend spät einen erkennbaren Beitrag. Wird Verantwortung dagegen systematisch aufgebaut, kann die Ausbildung schon während der Ausbildungszeit einen betrieblichen Nutzen entfalten.

Heiko_Kreth_Freisteller

 „Wenn ich den Nachwuchskräften Vertrauen entgegenbringe und ihnen die Möglichkeit gebe, nicht nur zu lernen, sondern das Erlernte auch anzuwenden, dann bekomme ich diesen Return nach ungefähr anderthalb Jahren.“

Heiko Kreth
über die Bedeutung von Vertrauen

Ausbildung gehört in die Unternehmensstrategie 

Nach Kreths Einschätzung wird der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren dadurch geprägt, dass viele Beschäftigte ausscheiden und vergleichsweise wenige Menschen nachrücken. Unternehmen, die ihre Nachwuchspipeline unterbrechen, können fehlende Jahrgänge später nicht kurzfristig nachproduzieren.

Ausbildung folgt einer anderen Zeitlogik als kurzfristige Unternehmenssteuerung. Wer in drei Jahren Personal benötigt, muss heute entscheiden, ob und in welchem Umfang ausgebildet wird. Gerade diese Vorlaufzeit macht eine strategische Steuerung notwendig.

Verantwortung liegt nicht nur bei der Geschäftsführung 

Die Unternehmensleitung muss die Ausbildung als Teil der Personal- und Unternehmensplanung verankern. Das entbindet das Ausbildungspersonal jedoch nicht von Verantwortung. Ausbilder:innen und Koordinator:innen beobachten unmittelbar, welche Fähigkeiten Nachwuchskräfte entwickeln, welche Aufgaben sie übernehmen können und welche Bedingungen ihre Entwicklung fördern oder behindern.

Diese Erkenntnisse müssen in die strategische Diskussion einfließen. Ausbildung wird nicht allein dadurch wichtig, dass sie im Leitbild steht. Ihr Stellenwert zeigt sich in Ressourcen, Qualifizierung, Entscheidungsfreiräumen und der Bereitschaft, auch bei wirtschaftlichem Gegenwind an einer begründeten Nachwuchsplanung festzuhalten.

Für die Praxis ergeben sich daraus vier Leitfragen:

- Welche Fachkräfte und Kompetenzen werden in drei bis fünf Jahren benötigt?
- Welche Aufgaben können Auszubildende bereits während der Ausbildung schrittweise übernehmen?
- Welche Freiräume und Qualifizierungen braucht das Ausbildungspersonal?
- Wie wird der strategische Beitrag der Ausbildung gegenüber Geschäftsführung und Fachbereichen sichtbar gemacht?

Einordnung von Ausbildung.de

Es bedarf einer tragfähigen Ausbildungsrealität

Für Ausbildungsmarketing und Azubi-Recruiting entsteht daraus eine klare Verbindung: Reichweite, Bewerbungsprozesse und Arbeitgeberkommunikation können nur dann dauerhaft überzeugen, wenn sie auf einer tragfähigen Ausbildungsrealität beruhen. Die Außendarstellung weckt Erwartungen, die der Betrieb einlösen muss.

Strategische Ausbildung verbindet deshalb Personalplanung, Ausbildungsqualität und Kommunikation. Unternehmen brauchen ein realistisches Bild ihres künftigen Fachkräftebedarfs, eine Lernumgebung mit wachsender Verantwortung und eine Zielgruppenansprache, die mehr vermittelt als aufmerksamkeitsstarke Einzelbilder. Erst das Zusammenspiel macht aus einem Ausbildungsangebot eine belastbare Nachwuchspipeline.

Welche Rolle Ausbildungsqualität und Kommunikation spielen? Erfahren Sie im aktuellen azubi.report!

azubi.report 2025_2026_Titelbild in Mockup

Young Talents Podcast: Die Episode zum Reinhören

Heiko Kreth vertieft die strategische Rolle von Ausbildung im Young Talents Podcast von Ausbildung.de. Im Mittelpunkt stehen der Umgang mit Kostendruck, veränderte Erwartungen von Nachwuchskräften und die Frage, wie Ausbildung im Unternehmen als langfristige Investition verankert werden kann.

 

Weitere Episoden des Young Talents Podcasts entdecken

 

Ausbilder:innen stärken: Warum Fachwissen allein nicht reicht

Ausbilder:innen stärken: Warum Fachwissen allein nicht reicht

Warum gute Ausbildung starke Ausbilder:innen braucht und wie Unternehmen Rollen, Zeit, Kommunikation und Weiterbildung wirksam gestalten.

Read More
Wie Siemens Energy Verantwortung in der Ausbildung stärkt

Wie Siemens Energy Verantwortung in der Ausbildung stärkt

Siemens Energy zeigt, wie Orientierung, persönliche Begleitung und freie Projekte Verantwortung in der Ausbildung fördern.

Read More
Warum Markttransparenz im Azubi-Recruiting zum Wettbewerbsvorteil wird

Warum Markttransparenz im Azubi-Recruiting zum Wettbewerbsvorteil wird

Markttransparenz im Azubi-Recruiting wird zum Wettbewerbsvorteil. Entdecken Sie, wie das Ausbildungsbarometer 2026 Unternehmen unterstützt, den Markt...

Read More